Bericht des SWR

 

SCHULLEITER SCHALTET SICH EIN

Palästinensischen Mädchen und ihrer Mutter aus Winnweiler droht Abschiebung

 

Ilyana, Leen und ihre Mutter sind seit 2017 in Winnweiler im Donnersbergkreis. Hierher sind die Mädchen und ihre Mutter nach vielen Jahren auf der Flucht gekommen. Doch nun sollten die drei abgeschoben werden. Ein Schock – nicht nur für die bestens integrierte Familie.

Die Nachricht, dass sie abgeschoben werden sollten, kam ganz plötzlich. Mitte November erreichte Leen, Ilyana und ihre Mutter ein Brief vom Amt, dass sie Deutschland verlassen müssten. 

Hintergrund ist, dass der Vater zunächst alleine nach Deutschland geflüchtet war. Dann – 2017 – hatte er seine Frau und die Töchter nachgeholt. Vor zwei Jahren hat er sich allerdings von der Familie getrennt. Obwohl er mit seiner Frau noch verheiratet ist, dürfen die beiden Mädchen und ihre Mutter rein rechtlich nicht bleiben.

Angst vor Syrien

Wohin genau sie abgeschoben werden sollen – das war nicht klar, denn als Palästinenser ist die Familie staatenlos. Ihr Haus in Syrien ist von Bomben zerstört. Die Angst, dorthin zurückzumüssen, ist groß, erzählen Leen und Ilyana. „Ich will nicht sterben“, sagt die 16-jährige Leen. Seit drei Jahren sei sie nun in Deutschland. „Ich will einfach weiter hier leben. Denn hier in Deutschland gibt es keinen Krieg und man kann einfach friedlich leben.“ 

Ilyana und Leen stehen vor Weltkarte (Foto: SWR)
Ilyana und LeenSWR

Als die Nachricht von der Abschiebung gekommen sei, sei das richtig schrecklich gewesen, fügt die 14-jährige Ilyana hinzu. Auch sie möchte natürlich in Deutschland bleiben, „weil hier ist mein Land und meine Freunde sind da, meine Schule ist da. In Syrien sterben wir und fertig. Aber hier gibt’s eine Zukunft.“

Leen und Ilyana Abdulhadi haben schon viel Schlimmes erlebt: Das Haus der Familie in Syrien wurde von Bomben zerstört. Die Schule der beiden Mädchen wurde ebenfalls von einer Bombe getroffen, kurz nachdem ihre Mutter sie dort abgeholt hatte.

Illegalität und Flucht

In ihrer Not flüchtetet die Familie in die Vereinigten Arabischen Emirate. Dort hielt sie sich allerdings illegal auf. Daher konnten die Mädchen nicht in die Schule gehen. Stattdessen wurden sie von ihrer Mutter, einer Lehrerin, unterrichtet.

Seit 2017 ist Familie Abdulhadi nun in Deutschland, in Winnweiler im Donnersbergkreis. Die 16-jährige Leen erzählt, sie habe hier ein Jahr gebraucht, um Deutsch zu lernen. „Ich muss gut lernen“, sagt sie. „Damit die Leute hier nicht denken, ich könnte hier in Deutschland nichts werden. Ich muss zeigen, ich kann was machen, obwohl ich die Sprache nicht so gut kann.“

Beide Mädchen gehen auf die Realschule Plus in Rockenhausen. Dort gehören sie in allen Fächern zu den Klassenbesten, sagt ihr Schulleiter Harald Scheve. Er selbst unterrichtet die beiden in Erdkunde und erzählt, dass Leen und Ilyana ehrgeizig seien und im Unterricht oft freiwillig mehr machten als gefordert ist. „Die Familie ist bestens integriert“, sagt Scheve. „Die Mädchen haben Freunde, sind freundlich, gut in der Schule und sozial engagiert.“

Hilfe vom Schulleiter

Als Schulleiter Harald Scheve von der drohenden Abschiebung erfahren hat, war er zunächst fassungslos, erzählt er. Daraufhin habe er die Familie zuhause besucht und sich deren Geschichte erzählen lassen. Dann war ihm klar: er muss helfen. Gerade in der jetzigen Zeit sei es wichtig, zu sagen „Hallo – Humanität existiert noch. Und wir reden nicht nur drüber, sondern wir machen was.“

Schulleiter Harald Scheve (Foto: Harald Scheve)
Harald Scheve – Schulleiter der Realschule Plus in RockenhausenHarald Scheve

Und Schulleiter Scheve hat etwas gemacht. Er hat sich an den Landrat des Donnersbergkreises, Rainer Guth (parteilos), und die Kreisverwaltung gewendet, hat Briefe geschrieben und Referenzen für die Familie beigelegt. Etwa die guten Schulzeugnisse von Ilyana und Leen, und auch eine Bescheinigung, dass die Mutter eine Fortbildung macht. Außerdem hat er gemeinsam mit den Dreien einen Asylantrag ausgefüllt. Für Scheve ist es ein Unding, dass die Umstände der Familie Abdulhadi nicht genauer betrachtet worden seien. Denn die Familie sei ein positives Beispiel für Integration, sagt Scheve. „Wenn man die dann auch noch ausweisen würde. Leute, die keinen Staat haben, das ist überhaupt nicht nachzuvollziehen.“

Harald Scheve ist inzwischen vorsichtig optimistisch, dass Ilyana, Leen und ihre Mutter in Winnweiler bleiben dürfen. Einen Bescheid oder irgendetwas Offizielles gibt es allerdings noch nicht.

Der größte Wunsch der Mädchen

In Deutschland bleiben und endlich Wurzeln schlagen – das ist der größte Wunsch von Leen und Ilyana. Denn beide haben große Pläne für ihre Zukunft: Rechtsanwältin ist der Berufswunsch von Leen. „Nicht wegen des Geldes, sondern um Menschen zu helfen, die in einer ähnlichen Lage sind wie wir“, sagt die 16-jährige. Ihre Schwester Ilyana möchte Ärztin werden. 

Ihrem Schulleiter Harald Scheve sind die Mädchen dankbar, dass er ihnen hilft. „Das war so geil“, sagt Ilyana und lacht. „Dass es jemanden gibt, der uns hilft und dass wir wichtig sind in diesem Leben, in dieser Welt.“Sendung vom Fr, 27.11.2020 12:00 Uhr, Am Mittag, SWR4 Radio Kaiserslautern

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